Wir waren mal wieder im Urlaub, was nicht weiter von Interesse wäre, wenn es nicht auch diesmal wieder Apfelwein-Abenteuer gegeben hätte. Wir sind mit dem Auto mittels Eurotunnel/ Shuttle auf die britische Insel, zunächst nach Brighton (East Sussex), dann weiter ins Dartmoore (Devon) und über Glastonbury (Somerset) wieder nach Hause. Und überall gab es Cider – nur darum soll es hier gehen.
Na gut, ein kurzes Wort zum Dartmoore: Wer das Wandern mag, kleine Orte nicht „tot“ sondern „erholsam“ findet, wer sich mit dem entweder begrenzten oder sehr verstreut liegendem Angebot von Lokalitäten anfreunden kann, wer generell Pubs, Pub-Food und den zugehörigen Smalltalk mit dem Wirt/ der Wirtin oder anderen Gästen als Teil englischer Kultur versteht, der ist hier richtig. We love it! 🥰🇬🇧

Devon
Unsere Planung war so: In England, bzw. speziell im Dartmoore ist immer mit Niederschlag zu rechnen. Also: bei Sonnenschein wandern, bei Niederschlag eine Cidery besuchen. Allerdings: wir hatten mega-Glück mit dem Wetter: kein Niederschlag! Also haben wir die Zeit im Dartmoore tatsächlich nur mit Wandern verbracht. Erst bei der Planung des Rückwegs, mit Glastonbury als Zwischenstopp, haben wir dann drei Cider-Hersteller in Devon besucht. Naja, fast drei …
Countryman Cider in Tavistock hat leider auf Dauer dicht gemacht: „Sorry to say, that due to age, and ill health, we will no longer have the Shop open, or be selling cider, as from April 2026“. Wir sind trotzdem hin, weil es ziemlich auf dem Weg lag, in der Hoffnung noch irgendwas zu sehen oder irgendwen zu treffen – aber Fehlanzeige. Naja, einen Versuch war es wert.


Ebenfalls ziemlich auf dem Weg nach Glastonbury liegt Tedburn St Mary. Dort ist Gray’s Devon Cider beheimatet: „Possibly the oldest cider in the world“ – na, wenn das keinen Abstecher wert ist?!
Der Ort war schnell gefunden, und ein Schild zum Eingang auch.

Nur: kein Mensch weit und breit! Oh no! Zwei Enttäuschungen an einem Tag 😞. Sind wir wirklich richtig? Nochmal weiter gefahren, nee, umdrehen, wir waren doch richtig. Nochmal aussteigen, etwas forscher die Gegend erkunden und schließlich: ein Mensch! „You come for Cider?“ – yo, kann man sagen – und wir wurden überhaupt nicht enttäuscht😀😎!
Seit angeblich ca. 400 Jahren wird hier Cider hergestellt, aber die Technik ist dabei nicht stehen geblieben. Gepresst wird auf einer modernen Bandpresse mit allem zugehörigen Schnickschnack (Förderband, Wäsche, Mühle). Los geht’s Mitte Oktober bis Ende November. Die Ernte-Technik hier ist ganz interessant – das hatten wir so auch schon in Herefordshire gehört: man wartet bis die Äpfel von selbst fallen. Man geht regelmäßig (ggf. täglich) raus und sammelt die frisch gefallenen Äpfel; von Hand oder mit der Maschine, und verarbeitet die Tagesernte zeitnah (best case: am gleichen Tag). Das setzt voraus dass man im Vorfeld den „Juni-Fall“ beseitigt und die Wiesen gemäht hat.




Gray’s Devon Cider gibt es in den Varianten Dry und Sweet, und ein Medium, der aus einem Mix der beiden besteht. Für uns war der Dry schon eher Medium also haben wir Dry gekauft 😎.
Weiter ging es Richtung Glastonbury, doch auf dem Weg liegt noch Crediton, Heimat von Sandford Orchards bzw. Devon Cider. Ein großer Hersteller, wo man schon das Glück haben muss genau zu einer Führung aufzuschlagen, um mehr zu erfahren – hatten wir nicht 😉. Also nur schnell ein paar Fotos geschossen und weiter. Aber die Webseite lohnt sich anzuschauen, und auch dieser Imagefilm ist gut gemacht.



Somerset
Jetzt aber: weiter nach Glastonbury (bekannt durch allerlei Mythen) oder genauer: dem Nachbarort Street (was für ein, äh, interessanter Name für einen Ort 😯). Spät angekommen vertraten wir uns noch etwas die Füße als das Schild „Cider farm“ unsere Aufmerksamkeit erregte.

Wir haben tatsächlich etwas gefunden, aber es war zu (oh no – schon wieder!). Naja, es war ja auch schon spät/ außerhalb der ’normalen‘ Öffnungszeiten. Also neuer Versuch am nächsten Morgen: Bingo! Here we go: Heck’s Cider.

Gepresst wird seit 2010 auf einer Voran Bandpresse. Davor gab es eine hydraulische Packpresse. Die Äpfel kommen aus der Gegend. Btw: Hier ein Poster mit typischen, englischen Cider-Äpfeln. Im Vergleich zu unseren Kelteräpfeln zeichnen sich die Cider-Äpfel durch mehr Tannine/ Gerbstoffe aus, was den Saft herber/ saurer/ trockener macht. Heißt: da muss man keinen Speierling dazu geben 😉.



Wir waren in der Situation morgens um 10:00 Uhr Cider zu verkosten – aua, da bin ich zugegebenermaßen noch eher Kaffee-affin. Wir haben also viel geguckt, bissi geschwätzt (der Mann hätte aus Hessen kommen können, „maulfaul“ ist wohl das passende Attribut) und bissi eingekauft 😎.
Als nächstes stand zunächst das kleine Städtchen Wells auf dem Programm (sehenswert), und am Nachmittag der Abstecher nach Mudgley, wo die „Lands End Farm“ liegt; das fanden wir sehr verwirrend, da wir die Farm zunächst in Cornwall vermuteten. Aber wir befanden uns immer noch in Somerset, und hier gibt es Wilkings Cider. Der Besuch der Webseite lohnt sich, denn soviel selbstbewusstes britisches Understatement findet sich selten. „I don’t do any of this e-commerce stuff – just call„, „we don’t have any of that fancy modern shop layout here, just barrels in my cider barn„, „I don’t do email, so there. Nor WhatsApp, nor any other fangled things„.
Es blieb uns also nichts anderes übrig als wirklich mal vorbeizufahren.
Das war ein sehr großer Spaß! Roger ist ein echtes Original; wir waren noch nicht ganz durch die Tür, da wurden wir schon gefragt, ob wir probieren wollen. Die letzten beiden Worte unserer Antwort „Ja, ein bisschen“ wurden wohl überhört 😇.




Stichwort Understatement: Wieviel Liter werden da wohl jährlich produziert?
Er habe jetzt etwas reduziert … er mache nur noch so 50.000 Gallonen; das sind knapp 230.000 Liter – holla!
Wir hatten übrigens auch „zufällig“ einen kleinen Karton „Heckstedter Krönchen“ dabei, der ebenso verköstigt wurde und lobende Worte fand, auch von anderen Gästen. Yo, die Briten haben den Ruf sehr höflich zu sein 😉, aber wir glauben des Stöffsche kam wirklich gut an, weil „this is real cider„. Wir haben noch ein neues Wort gelernt: Scrumpy. So nennt man „traditionellen, meist naturtrüben und ungefilterten Cider aus Südwestengland“ (Google). Und wenn man sich erstmal einliest, dann ist man mittendrin im Sprachwirrwarr: Cider, Scrumpy, Rough Cider, Fine Cider, Real Cider, Cyder usw.. Das spiegelt die Bemühungen wider, den eigenen Cider vom Rest der Cider-Welt abzugrenzen, insbesondere von „der Konzernplörre“. Fun fact: Cider darf bis zu 65% Wasser enthalten, oder umgekehrt: es muss nur 35% Apfel drin sein.
No worries, Roger (und alle anderen hier genannten) schwören auf 100% Äpfel 👍.
Und mit den Eindrücken der Lands End Farm ging es dann schon wieder nach Hause … das eine oder andere Stöffsche im Gepäck. Wusstet ihr, dass man nur 4 Liter Wein von UK in die EU einführen darf, aber 16 Liter Bier? Ist das nicht ungerecht? Zum Glück hat niemand genauer hingeschaut … 👮🚓🚨😱